In den Händen meine riesigen Wäschekörbe. Hauptsache nicht stolpern, wer will das ganze Zeugs vom Boden sammeln...
Konzentriert im Alltagstrott gehe ich durch den kleinen Flur. Es ist ein dunkler Flur, ohne Fenster, deshalb kann man nicht anders, als es sogleich zu bemerken.
Das Teelicht.
Seine kleine Flamme erhellt erstaunlich viel im kargen Flur und wärmt die kühle Dunkelheit.
Im zarten Licht begegnen mir Ellis strahlende Augen. Das Teelicht steht direkt vor dem kleinen Buch mit Fotos von Elli, das ich uns damals im kalten Dezember 2018 allen auf die schnelle als Weihnachtsgeschenk gemacht habe.
Dieses Büchlein steht immer auf der weißen Kommode in Mamas kleinem Flur. Und ich glaube seit jeher brennt dort gleich daneben täglich neu ein kleines Teelicht.
Sie ist nicht mehr da. Elli ist weg. Und sie fehlt. Sie hatte einen Platz in unserer Mitte, ganz gleich wie schwer ihr Leben war, sie hatte einen völlig logischen Platz zwischen uns.
Den muss man sich nicht verdienen, den hat man einfach. Und den kann man dann auch nicht verlieren, wenn man dieses Leben verlässt.
Ein neuer Partner beispielsweise ersetzt ja nie den alten. Menschen kann man nicht ersetzen, wenn sie gestorben sind.
Trauer und Verlust sind große Hürden. Wenn man sich da nicht geeignete Wanderschuhe besorgt, wird es ein beschwerlicher Weg.
Das Teelicht
Meine Mutter hat es sich zur Angewohnheit gemacht, diesem Verlust des eigenen Kindes ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Sie war nicht bereit, diesen Prozess dem Zufall zu überlassen. Das einzige was dann folgt sind Verdrängung und ein möglicherweise verbittertes Herz.
Immer wieder holte sie Elli mit dieser bewussten Aktion, des angezündeten Teelichts, in den Alltag. Sie weigerte sich nicht, an sie zu denken und schlug diesem großen Schmerz nicht die Tür vor der Nase zu.
Er darf sein.
Mich hat es immer wieder ganz unvorbereitet getroffen. Nicht mit einem negativen Gefühl, sondern eher mit Freude. Ich habe das kleine Licht gesehen und Ellis wunderschönes Bild (das Foto das auch mein Buch Cover schmückt) und sogleich fühlte ich mich ihr nah.
Und ja, manchmal fühlte ich mich auch dem Schmerz sofort viel näher. Dem Vermissen und der Traurigkeit - weil sie nicht da ist.
Es ist nur ein Bild und mit ihm kommt die wundervolle Erinnerung, dass es sie gegeben hat. Aber eben auch die Erinnerung an das Schwere, das ihr Leben begleitete. Ich muss dann gar nicht filtern, ob es gut oder schlecht ist, dass sie mit diesem Leben fertig ist. Alle diese Gefühle dürfen einfach ungefiltert sein. Sie dürfen kommen und ich höre ihnen zu und sie gehen wieder.
Trauer.
Sich erinnern. Fühlen. Weinen und Vermissen.
Es hat mich glücklich gemacht, dass Elli diesen festen Platz dort im Flur auf der Kommode hat. Als würde ich wie früher, tatsächlich an ihr vorbei gehen. Ein winziger Moment, ein kurzer Augenkontakt und ein Lächeln, das man sich so im Vorbeigehen zuwirft. Sie ist weg und eine Lücke ist da. Aber in diese Lücke passt ein Lächeln genauso gut rein, wie endlose Tränen. Ich lächle gerne. Warum sollte ich aufhören, ihr zuzulächeln? Dann eben der Erinnerung an sie und dem Bewusstsein, dass sie bei uns war und diesen Platz mal ausgefüllt hat.
Den Verlust erlauben und ihm einen Platz in deinem Leben geben
Das halte ich für die wichtigste Ausrichtung im Trauern. Nicht zudecken mit allerhand Ablenkung oder so tun, als wäre es ja schon ok. Am Ende ist es vielleicht ja sowieso das Beste und überhaupt und sowieso...
Einfach mal so nehmen, wie es ist. Der Tod eines nahen Menschen braucht keine Erklärungen oder Rechtfertigungen. Ich glaube sogar, sie vertragen sich nicht.
Der Verlust darf sein. Mitten in deinem Alltag.
Abschied ist in diesem Fall eine lange Reise, die einen Platz braucht. Man möchte ja keine Erinnerung auslöschen und es kommen keine neuen hinzu. Also nimmt man, was man hat und fügt es dem Alltag hinzu. All die schönen Momente und all die Liebe, die da im Herz noch so lebendig weiterleben.
Ich hatte auf unserem Trauerweg oft das Gefühl, Menschen sind damit sehr überfordert. Vor allem die, die an ein Leben nach dem Tod glauben und an Gott. So oft merke ich, dass man dann versucht der Traurigkeit in dem Moment mit lauter Hoffnung für übermorgen zu begegnen. Aber warum? Warum darf man nicht einfach traurig sein, ohne sich daran zu erinnern, dass der Mensch doch im Himmel ist, dass die Krankheit doch nun vorbei ist und dass doch alles so nun viel besser ist?
Mag schon sein, aber gerade bin ich traurig. Ich bin gerade nicht hoffnungsvoll und auch nicht dankbar - ich bin traurig.
All die Hoffnung ist ja da. Sie ist verankert in meinem Glauben und in meinem Herzen.
Vielleicht fließt mein Herz morgen wieder über vor Hoffnung und Dankbarkeit - aber heute nicht. Heute bin ich traurig und es tut weh.
Tatsächlich tut es dem hoffnungsvollen Glauben in dir nichts, wenn man die Traurigkeit erlaubt. Aber es tut dem authentischen Trauern sehr viel, wenn man es immer gleich mit Glaubenssätzen überhäuft.
Wie Jesus
Meine schönste Erkenntnis in diesem Zusammenhang hatte ich beim Bibellesen der Geschichte von Lazarus. In Johannes 11 wird von seinem Tod erzählt und wie Jesus, der Lazarus nah stand, unterwegs ist zu seinem Grab. Vers 35 ist ein Satz, der mich ganz tief berührt: "Seine Augen füllten sich mit Tränen." (NGÜ2011)
In weiteren Verlauf der Geschichte, stellt man fest, dass Jesus zum Grab ging, um Lazarus herauszurufen. Der liebe Lazarus kommt also mit seinen Grabtüchern eingewickelt aus dem Grab hervor und lebt wieder.
Jesus wusste, dass er ihn aufwecken kann und ich würde sagen, er hatte diesen Plan, als er unterwegs war zu Lazarus Grab.
Das ist doch der Inbegriff von Hoffnung, oder nicht? Mehr Hoffnung kann man nicht haben.
Und seine Augen füllen sich mit Tränen.
Der Fußmarsch bis zum Grab war etwas länger und wir alle wissen, wie sich so ein Spaziergang auswirken kann, wenn man auf einmal nachdenkt und einen Zugang zu seinen Gefühlen bekommt. Jesus weint.
Er erlaubt es sich - im Angesicht all der Hoffnung und vielversprechenden Möglichkeiten - zu weinen. Dem Verlust seinen Platz einzuräumen und den Tod eines Menschen, der dir so nah steht, zu beweinen. Er erlaubt die Traurigkeit und den Schmerz.
Warum fürchten wir uns so vor diesem Gefühl? Wir müssen weder anderen noch uns selber ständig die Sicherheit des Himmels aufs Auge drücken. Ja, ist ja richtig, aber die Hoffnung erlaubt uns, traurig zu sein. Offensichtlich.
Einige Sätze davor in Vers 33 und 34 steht sogar, dass er bis ins innerste erschüttert war und von Zorn und Schmerz erfüllt. Nicht nur das Weinen ist erlaubt, sondern auch all der Schmerz und die Verzweiflung und die Wut. Ist einfach okay!
Ich liebe es authentisch mit meinem Inneren verbunden zu sein.
Und wenn ich Verlust erlebe, dann gebe ich dem einen Platz. Ich weise es nicht von mir und ich erzähle dem Verlust nicht ständig, was ich alles glaube und auf was ich hoffe. Ich habe so eine Ahnung, dass der Verlust das weiß.
Ich vermisse und ich fühle und ich bin still. Ich habe die Zweifel und schiebe sie nicht von mir und ich erlaube die Wut.
Trauern ist nichts fürs Theater. Es ist echt und will erlebt werden.
Diese Gedanken und meine Erkenntnis durch den Bibeltext haben mich sehr bestätigt in der Entwicklung unserer Holzleiste, die du in meinem Shop findest. Die "Du fehlst"-Leiste ist genau so gemeint.
Du stellst diese Leiste auf, da wo du sie sehen kannst und kannst wundervolle Fotos aufstellen oder auch die Trauer-Karten, die vielleicht in Worte fassen, was dir auf der Seele brennt. Dort bekommt die Trauer einen Platz und die Erinnerung eine feste Bleibe.
Du fehlst.
Einfach so.
Nichts drumherum.
Du fehlst einfach.
Ich liebe es Kerzen für jemanden anzuzünden und habe mich so sehr von meiner Mutter inspirieren lassen. Deshalb gibt es das kleine Glas für das Teelicht. Für einen Moment innehalten.
Außerdem mag ich es sehr, Blümchen zu pflücken, direkt vom Straßenrand und sie dort hineinzustecken. Ein Ort der Interaktion irgendwie. Aber auch die Hoffnung interagiert hier. Es ist nicht düster. Es ist nicht schwer. Freude und Trauer vertragen sich. Die schönen Erinnerungen und das Bewusstsein für den Abschied. Deshalb sind die Trauer-Karten auch hell und freundlich. Sie erzählen von der Lücke, die für immer bleiben wird und aber auch von dem Gott, dem ich vertraue. Sie ermutigen dich, zwar zu trauern, doch nicht aufzugeben und dich dem Schmerz zu ergeben, sondern aufrecht zu bleiben und auf einen neuen Morgen zu warten. Auch die Hoffnung und das Weiterleben muss und kann man wählen. Die Karten erzählen nicht vom Tod, sondern vom Leben - das war und das neu begonnen hat - im Arm von Jesus. Die Hände, die diesen geliebten Menschen nun halten.
Ich wünsche mir mehr als alles, dass diese liebevolle Handarbeit aus Papas Werkstatt zu vielen trauernden Herzen kommt und ihre Arbeit macht. Dass sie einen liebevollen Raum öffnet für den Verlust und einen Ort bietet, zu weinen, zu erinnern und zu sein.
Mit ganz viel Liebe und in tiefer Verbundenheit,
Mirjam

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